Wie wichtig ist es, woraus ein Kunstwerk besteht? Warum das Material den Wert beeinflusst – aber bei Weitem nicht alles ist?
Der Wert eines Werks – auch eine Frage des Materials? Nun, das teuerste Gemälde der Menschheit, die „Mona Lisa“, wurde Anfang des 16. Jahrhunderts noch auf eine Holztafel gemalt. Leinwände kamen damals gerade erst in Mode. Papier wurde lange Zeit überhaupt nicht als Trägermaterial für Kunstwerke verwendet, obwohl es ursprünglich als sehr teures Material galt. Nach und nach machten sich die Künstler jedoch auch diesen Stoff zu eigen. Dennoch galt über Jahrhunderte: Werke auf Papier sind weniger wertvoll als die auf Leinwand oder Holz. Als formale Grundlage für diese Einschätzung könnte man die Notwendigkeit anführen, für die soliden Varianten Ölfarben, Lösungsmittel, Pinsel kaufen zu müssen … Tatsächlich haben praktische Herstellungskosten nur minimalen Einfluss auf den Marktwert von Kunstwerken, der wird von ganz anderen Faktoren bestimmt. Dennoch sind bis heute Werke derselben Künstler:innen und von ähnlicher Größe auf Leinwand oder Holz teurer als auf Papier.
Daher stellen sich viele Sammler:innen berechtigt die Frage: In welche Werke sollte man besser investieren – in Gemälde auf Leinwand und Holz oder in Grafiken?
Ein Blick auf die Verkaufsgeschichte bei Auktionen zeigt, dass auch stark beschädigte Arbeiten heutzutage teuer sein können. Denken Sie nur an Banksys „Girl with Balloon“: 2018 wurde das Bild für eine Million Dollar verkauft. Eh schon ein beeindruckender Preis für ein Spray Painting! Aber was danach mit diesem „Mädchen“ geschah … Anscheinend kann ein Kunstwerk auch angeschreddert seinen Wert erhalten oder sogar steigern. Der missglückte Versuch, das Bild zu zerstören, führte dazu, dass es 2021 für über 18 Millionen Dollar verkauft wurde. Wieso? Weil es einzigartig geworden war – berühmt. Das Material spielte keine Rolle.
Ein weiteres beeindruckendes Beispiel, diesmal weder auf Leinwand noch auf Papier: „Comedian“ von Maurizio Cattelan wurde Ende 2024 für 6,2 Millionen Dollar verkauft – und dann öffentlich vom neuen Besitzer gegessen. Der Akt des Verzehrs der Banane befeuerte hitzige Diskussionen: Hat der Käufer das Kunstwerk endgültig zerstört, oder gibt es eine Chance, es wiederherzustellen?
Natürlich war dies eine Provokation, nicht zuletzt, um den Wert des Kunstobjekts weiter zu steigern! Die Banane ist gegessen, aber das Werk bleibt intakt. Ein drittes Exemplar des „Comedian“ wurde bei einer Ausstellung in Miami übrigens ebenfalls verspeist – im Rahmen der Performance „Der hungrige Künstler“. Die verantwortliche Galerie nahm’s gelassen: Die Banane an sich sei austauschbar, Käufer:innen erwerben nur die Rechte an der Idee. Mit dem Effekt, dass eine der drei Lizenzen von „Comedian“ bei Sotheby’s kürzlich für unglaubliche 6,2 Millionen Dollar versteigert wurde.
Fazit: Ein Werk muss heutzutage nicht mehr auf stabilen Grund gemalt sein. Es kann sogar sein, dass die Hand des Künstlers es nicht einmal berührt hat. Man kann in jedes Werk investieren, wenn es das Potenzial für breite öffentliche Diskussionen hat.
Die wichtigste Regel für schnelles Wachstum des Kunstwerts lautet demnach: Die Welt muss davon erfahren. Es ist egal, ob Menschen empört oder begeistert darüber diskutieren – wichtig ist, dass diese Tatsache jeden erreicht, selbst jene, die mit Kunst gar nichts zu tun haben. Auch die „Mona Lisa“ wurde nicht sofort zum teuersten Gemälde der Welt, sondern erst 400 Jahre nach ihrer Entstehung. Der heutige Kult um sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts – auch, weil das Gemälde 1911 auf spektakuläre Art aus dem Louvre geraubt wurde, begleitet von einer wahren Medienhysterie.
Also, was ist nun wertvoller – Holz, Papier oder Leinwand? Das Material spielt eine Rolle, aber ist bei Weitem nicht alles.
Julia Vorozhtsova für Finanzielle, www.finanzielle.de, 02/2025